Szene aus Nabucco

Nebukadnezar in der Kirche

Die Düsseldorfer Johanneskirche wird zum Spielort für Verdis »Nabucco«

Düsseldorf. Die Geschichte von »Nabucco«, alias Nebukadnezar, von der Gefangennahme der Hebräer und ihrer Befreiung aus der Babylonischen Gefangenschaft datiert von 578 vor Christus. Dennoch verlegt jetzt der Düsseldorfer Altstadt-Herbst die gleichnamige Verdi-Oper in ein christliches Gotteshaus. Im Altarraum der Johanneskirche, direkt vor dem Jesus-Kreuz, inszeniert Nicola Glück die vorchristliche Tragödie mit Happy End.

Irritationen

Wenn am Ende die Unheil stiftende Köngistochter Abigail besiegt wird und den jüdischen Gott Jehova direkt unter dem Kruzifix anbetet, so mag das Opernfans und gläubige Christen zunächst irritieren. Doch die Regisseurin verlegt die Handlung des Repertoire-Schlagers nicht in eine bestimmte Zeit, verzichtet auf politische Anspielungen und Ben-Hur-Ästhetik, sondern erzählt eine Parabel von Gut und Böse. Letzteres betont durch minimales Dekor und Schwarz-Weiß-Kontraste.

Nabucco_2Ein durchsichtiger Vorhang bedeckt das Kreuz. Darauf projiziert werden bizarre Blütenbilder und Filme von Weltenbränden. Die von Nabucco gefangengenommenen Hebräer schleppen sich über einen Laufsteg durch das Kirchenschiff. Die gläserne Kanzel wird zum Thron. Immer wieder erklimmt Nabuccos zweite Tochter Abigail die Stufen, bis sie ihren Vater ausschaltet, ihm das Herrschaftszeichen, eine weiße Riesenkugel entreißt und nun ihr Regiment des Schreckens und der Eifersucht vollführt. Abgewiesen wurde sie vom Königssohn Ismael, der Abigails Halbschwester Fenena liebt. Ein Konflikt, der erst nach der Zerstörung des Babylonischen Götzenbildes gelöst wird.

Wenn die evangelische Stadtkirche auch in der Nähe der Königsallee liegt, so kehrt das Kleinfestival zu seinem 20. Geburtstag mit »Nabucco« zurück an die Wurzeln. Kleinkunst und Konzerte in Kneipen und Kirchen, lautete 1991 die Devise, mit der der Düsseldorfer Oxenfort-Clan das von sponsoren finanzierte Herbstfestspiel aus der Taufe hob und seitdem die Biermeile kulturell beflügelt. In den letzten Jahren machte sie zwar eher Furore mit aufregenden Tanzproduktionen aus Europa. Opernprojekte sind die Ausnahme. Doch zum Jubiläum griffen Stadt und Mäzene für die Koproduktion mit der Johanneskirche noch einmal in die Tasche und engagierten ein Orchester, das zu den besten in NRW zählt. Unter der Leitung des opernbegabten Kantors Wolfgang Abendroth beweisen die Bochumer Symphoniker, wie viele Farben, Emotionen und Raffinement in dieser frühen Verdi-Partitur verborgen sind. Der 32-jährige Förderpreisträger Abendroth versteht sich auf zündende Tempi und Dynamik, lässt seine Kantorei mit dem Düsseldorfer Kammerchor zu einem großen Corpus verschmelzen und bemüht sich, die hallige Akustik in dem Gotteshaus auszubalancieren. Keine leichte Aufgabe, denn schnell entweichen Nuancen in die Weiten der Kirchen-Kuppel.

Wotan-Schwere

Was wäre Verdi ohne schöne Stimmen? Auch anspruchsvolle Stimmfreaks kommen auf ihre Kosten. Thomas Piffka, der in der Aalto-Oper, der Mailänder Scala und gerade bei den Salzburger Festspielen (als Alwa in »Lulu«) gefeiert wurde, begeistert durch seinen aufblühenden, sicheren Tenor und als Darsteller des reinen Ritters Ismael. Schwarzgefärbt ist der Bassbariton Ulf Paulsen, der mit reichlich Wotan-Schwere, lyrischer Verletzbarkeit und strahlenden Höhen ein Psychogramm von Nabucco zeichnet. Star der Produktion ist Claudia Iten, die als machtgierige Abigail im Abendkleid großes Kino produziert. Abgewiesen, vor Eifersucht und Rache schäumend und mit destruktiver Kraft – so schleudert sie die hohen Töne in das Kirchengewölbe und auf die Häupter der Gemeinde.

Quelle: Neue Ruhr Zeitung / Neue Rhein Zeitung

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