Szene aus Nabucco

Die Rahmenbedingungen für die Uraufführung von Giuseppe Verdis Oper „Nabucco“ am 9. März 1842 waren nicht unbedingt ideal. Für die kurzerhand anberaumte Inszenierung musste man auf Kostüme und Bühnenbild eines Balletts zurückgreifen, das an der Mailänder Scala bereits vier Jahre zuvor gegeben worden war. Und Giuseppina Strepponi entpuppte sich in der tragenden Partie der Abigaille nicht gerade als Glücksgriff, schien ihr einstiger Sopran-Glanz hier doch leicht verstaubt. Doch kaum waren die letzten Töne von „Nabucco“ verklungen, war man sich einig: Dem aufstrebenden 29-jährigen Opernkom­ponisten Verdi war ein absolutes Meisterwerk geglückt. Am Premieren­abend musste das große Chorstück „Va pensiero“ wiederholt werden. Und während die Mailänder fortan dem „Nabucco“ re­gel­recht verfielen, trat die Oper auch jenseits der Alpen sofort ihren Sieges­zug an. Allein bis 1844 war „Nabucco“ in 58 Neu­inszenier­ungen zu sehen. „Man kann sagen, dass mit Nabucco meine Karriere begann“, so Verdi später in  einem Brief an Graf Arrivabene, „von da an hat es mir nie an Aufträgen gemangelt.“ Nebenbei wurde Verdi aber gleich auch noch zum Liebling der besten Gesell­schaft, wurden sogar Krawatten, Hüte und Saucen (!) nach ihm benannt.

Der Erfolg von „Nabucco“ lag musikalisch an einer bis dahin nie gehörten Aneinanderreihung von spektakulären Szenen. Statt Belcanto und psychologisch stimmiger Figurenzeichnungen gab es nun Märsche, Kriegs- und Klagechöre sowie Gebets- und Wahn­sinnsszenen. Mit dieser grellen Anhäufung von effektvollen Tableaus schaffte es Verdi somit, den Aktualitätsbezug des biblischen Stoffes überdeutlich zu schärfen. Die Zerstörung Jerusalems und die Verschleppung der Juden in babylonische Gefangenschaft wurden als Symbol für den italienischen Wider­stand gegen die damalige österreichische und französische Fremdherrschaft verstanden. Und um die appellativen Züge noch zu erhöhen, griff Verdi hier nicht nur zu schlagkräftigen Melodien und straffer Rhythmik. Geradezu volkstümlich ho­mophon gestaltete er die Chorsätze – darunter eben mit dem Gefangenenchor „Va pensiero“ einen der wohl patriotischsten Hymnen der Operngeschichte.

 

Die Handlung in vier Akten spielt in Jerusalem und Babylon im Jahre 578 v. Chr.

1. Akt – So spricht der Herr: Siehe, ich gebe diese Stadt in die Hand Nebukadnezars, des Königs zu Babel, und er wird sie mit Feuer anstecken und verbrennen.

Die Babylonier unter Nabucco belagern Jerusalem, wo das Volk sich im Tempel versammelt hat. Der Hohepriester Zaccaria ermutigt seine Gefolgsleute, die Hoffnung nicht aufzugeben, da sie noch eine wertvolle Geisel besitzen: Fenena, Nabuccos Tochter. Zaccaria vertraut Fenena Ismaele, dem Neffen des Königs Sedecia von Jerusalem an, ohne zu wissen, dass dieser in Fenena verliebt ist. Die beiden planen fortzulaufen, als Abi­gaille, die als Fenenas Schwester gilt, in Wirklichkeit aber eine vom König an Kindes statt angenommene Sklavin ist, mit babylonischen Soldaten in den Tempel eindringt. Abigaille offenbart Ismaele ihre Liebe und verspricht, das Volk Jerusalems zu retten, wenn er sie heiratet. Dann erobert Nabucco selbst den Tempel, Ismaele rettet Fenena vor Zaccarias Dolch und übergibt Fenena ihrem Vater. Zaccaria verdammt den Verräter und Nabucco gibt den Befehl, den Tempel zu plündern und niederzubrennen.

2. Akt – Siehe, ein schreckliches Ungewitter des Herrn wird kommen und den Gottlosen auf den Kopf fallen.

Aus einem von Nabucco geheim gehaltenen Dokument erfährt Abigaille zufällig ihre wahre Herkunft. Sie beschließt daraufhin, den Thron zu übernehmen und die Nachricht zu verbreiten, dass Fenena tot sei. Ihr Vorhaben wird durch den Hohepriester des Baal unterstützt und gelingt ihr, als man glaubt, Nabucco sei in der Schlacht gefallen. Doch dann kehrt Nabucco unerwartet zurück. Er ergreift die Krone und erklärt sich selbst zum alleinigen König und Gott, den die Leute bis in alle Ewigkeit anbeten sollen. Bei diesen Worten schlagen Blitze neben dem König ein und er verfällt dem Wahn­sinn. Abi­gaille ergreift die Gelegenheit und die Krone und wird Königin.

3. Akt – Die Prophezeiung. Es sollen Wüstentiere in Babylon ihre Wohnung haben und mit Eulen und Wiedehopfen wohnen.

Abigaille lässt die inzwischen freigelassenen Hebräer wieder gefangen nehmen und Fenena zum Tode verurteilen. Nabucco bittet vergeblich um Gnade für Fenena und droht, Abigailles Geheimnis zu lüften. Diese vernichtet das Dokument und lässt auch Nabucco in den Kerker werfen. Die gefangenen Hebräer beklagen ihr „schönes und entferntes Heimatland“ (Gefangenen­chor „Va pensiero“) und rufen den Herrn um Hilfe. Zaccaria ermutigt die Leute mit der pathetischen Pro­phe­zeiung, dass eine furchtbare Rache Babylon heimsuchen wird.

4. Akt – Baal steht mit Schanden: Seine Götzenbilder sind zerschmettert.

Als Fenena zum Richtplatz geführt wird, ruft Nabucco in seiner Verzweiflung den Gott der Juden um Hilfe an. Es gelingt ihm, die Hinrichtung zu verhindern. Das Bild des Götzen Baal stürzt, vom Blitz getroffen, zusammen. Abigaille bittet sterbend um Ver­gebung, Fenena nimmt den jüdischen Glauben an und wird mit Ismaele vereint. Die Juden sind befreit und Nabucco ermahnt seine Leute, sich vor dem Gott der Juden, Jehovah, zu verneigen.

 

In ihrer aktuellen Inszenierung der Oper setzt Nicola Glück den Fokus auf die Sichtbarmachung des abstrakten Spannungsfelds zwischen Liebe, Religion und Machtmissbrauch, das jenseits aller historischen und politischen Bedeutung des Opernstoffes ebenfalls der Handlung innewohnt. Mit dieser weltweit ersten Inszenierung der Oper „Nabucco“ in einer Kirche rücken auch die Themen Vergebung und Erlösung im Hinblick auf die eigenen Taten und auf den Glauben an Gott in den Vordergrund. Mittels Elementen medialer Kunst wird eine Bühne in der Kirche geschaffen, ohne dass die ureigenen Elemente des Gottes­dienstraums in den Hintergrund treten. Der gesamte Kirchen­raum wird zur Spielfläche und somit löst Nicola Glück die klassische Zuschauerperspektive auf, das Publikum wird hautnah in das Geschehen eingebunden. Durch die Verwendung aktueller Medien, wie Fernsehbilder oder eine Live-Video-Kamera, entsteht ein spannungsvolles Verhältnis zwischen der alten Geschichte und dem Hier und Jetzt, die aktuellen Themen und der alttestamentarische Stoff treten in eine brisante Beziehung zum Betrachter. (Text: Barbara Steinheuer und Guido Fischer)


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