Szene aus Nabucco

ferne_spiegelBiblische Einführung und Hintergründe zu Verdis Oper Nabucco

Ausgehend von der Geschichte der Oper um Nebukadnezar widmet sich dieser Abend dem alttestamentlichen Stoff der italienischen Oper Nabucco von Giuseppe Verdi und betrachtet die biblischen Bezüge, Hintergründe, Fakten und Legenden.

Dienstag, 14. September 2010, 19-21 Uhr
Leitung: Pfarrer Dr. Uwe Vetter

Verdis Nabucco braucht etwas Zeit, um zu wirken. Zuerst ist es eine mitreißende Oper mit allem, was eine Oper im 19. Jahrhundert brauchte: Drama, Liebe, Eifersucht, ergreifende Arien, antike Stoffe und biblische Motive fürs Bühnenbild. Dann sickert mit der Musik eine Geschichte ein, die vor zweieinhalbtausend Jahren einen religionsgeschichtlichen Urknall ausgelöst, das Judentum entwickelt und dem Christentum Pate gestanden hat. Die Oper Nabucco erzählt – ohne dem Komponisten und dem Librettisten hier Absichten zu unterstellen – biblische Geschichte und biblische Botschaft. Selbst dort, wo Verdi und Solera Anachronismen verwechseln, dringt die Schrift durch Fugen und Spalten.

In unserer Bibel gibt es drei epochale geschichtliche Ereignisse, die Religion-bildend und Kultur-entscheidend waren: Der Auszug Israels aus Ägypten, die Kreuzigung und Auferstehung Christi und dazwischen der Kriegszug des babylonischen Königs Nabu-Kudurri-Usur, Nebukadnezar genannt, der Völker auslöschte und Religionen tilgte. Die halbe Bibel ist mit diesem Meteoriteneinschlag verknüpft. Die großen Propheten Jeremia, Ezechiel und (Deutero-)Jesaja sind in dieser Phase zu geistlichen Führern erweckt worden. Die großen Theologen deuteten Geschichte. Und vor allem ging der Glaube an den einen Gott durch seine erste große Krise. Die Katastrophe von 586 v.Chr., die Zerstörung des Jerusalemer Tempels durch Nebukadnezzár, setzt im Alten Testament eine ähnliche Zäsur wie später die Kreuzigung Christi. Das für unmöglich Gehaltene, das Unfassbare geschah. Gott der (All)Mächtige verhinderte das Böse nicht. Menschen zerstörten den Tempel und zertrennten die Lebensleitungen zwischen Erde und Himmel. Vergebungs- und Versöhnungshandlungen waren undurchführbar und beraubten die Gläubigen seelisch jeden Schlafs. Jedes zweite biblische Buch trägt Spuren der alten panischen Frage, ob es – wenn dies möglich war – einen gnädigen Gott überhaupt gebe. In der von Nabucco ausgelösten Katastrophe ist das verlässliche biblische Glaubensgebäude eingestürzt und Stein für Stein neu gebaut worden, mit einer neuen Art von Gottesdienst und Gemeinden, wie wir sie bis heute kennen. In der babylonischen Gefangenschaft traten die ersten Rabbinen neben die Priester, Gebete traten an die Stelle der Tempelopfer. Ohne Tempel sammelte sich die Gemeinde um die Thorarollen. Das Wort Gottes war nun Sakrament, und wer in den Geboten wandelte, erfurh das Heilige und wurde selbst verwandelt in Segen. Wenn der spätere Perserkönig Kyros die Erlaubnis zur Rückkehr nach Israel erteilte, blieben viele Israeliten in Babylon. Hier startete die Weltreligion mit den großen jüdischen Rabbinen, darunter Rabbi Hillel, dessen Lehrsätze sich in der Bergpredigt Jesu wiederfinden.

597 v. Chr | Eroberung Judäas | Deportation der »Oberen Zehntausend« | König Zdekia von Nabuccos Gnaden | Jeremia in Jerusalem in Haft

Jeremias Brief an die Weggeführten in Babel

29 1 Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte 2 - nachdem der König Jechonja und die Königinmutter mit den Kämmerern und Oberen in Juda und Jerusalem samt den Zimmerleuten und Schmieden aus Jerusalem weggeführt waren -, 3 durch Elasa, den Sohn Schafans, und Gemarja, den Sohn Hilkijas, die Zedekia, der König von Juda, nach Babel sandte zu Nebukadnezar, dem König von Babel: 4 So spricht der HERR Zebaoth, der Gott Israels, zu den Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: 5 Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; 6 nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. 7 Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum HERRN; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's auch euch wohl.

586 v. Chr | Zerstörung von Stadt und Tempel | Diebstahl der Bundeslade u. a. D. | Folterstrafe für König Zedekia | Soziale und kulturelle Enthauptung des Volkdes Israel durch zweite Deportation | Jeremia in den Trümmern Jerusalems | Nabucco – »Bestie Mensch«

Jeremia wird bei der Eroberung Jerusalems befreit

39 1 Denn im neunten Jahr Zedekias, des Königs von Juda, im zehnten Monat kam Nebukadnezar, der König von Babel, und sein ganzes Heer vor Jerusalem und belagerten es. 2 Und im elften Jahr Zedekias, am neunten Tage des vierten Monats, brach man in die Stadt ein. 3 Und alle Obersten des Königs von Babel zogen hinein und hielten unter dem Mitteltor, nämlich Nergal-Sarezer, der Fürst von Sin-Magir, der Oberhofmeister, und Nebuschasban, der Oberkämmerer, und alle andern Obersten des Königs von Babel. 4 Als nun Zedekia, der König von Juda, und seine Kriegsleute das sahen, flohen sie bei Nacht zur Stadt hinaus auf dem Wege zu des Königs Garten durchs Tor zwischen den beiden Mauern und entwichen zum Jordantal hin. 5 Aber die Kriegsleute der Chaldäer jagten ihnen nach und holten Zedekia ein im Jordantal von Jericho und nahmen ihn gefangen und brachten ihn zu Nebukadnezar, dem König von Babel, nach Ribla, das im Lande Hamat liegt. Der sprach das Urteil über ihn. 6 Und der König von Babel ließ die Söhne Zedekias vor seinen Augen töten in Ribla und tötete auch alle Vornehmen Judas. 7 Aber Zedekia ließ er die Augen ausstechen und ihn in Ketten legen, um ihn nach Babel zu führen. 8 Und die Chaldäer verbrannten das Haus des Königs und die Häuser der Bürger und rissen die Mauern Jerusalems nieder. 9 Was aber noch an Volk in der Stadt war und wer sonst zu ihnen übergelaufen war, die führte Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, alle miteinander gefangen nach Babel. 10 Aber von dem niederen Volk, das nichts hatte, ließ zur selben Zeit Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, etliche im Lande Juda zurück und gab ihnen Weinberge und Felder. 11 Aber Nebukadnezar, der König von Babel, hatte Nebusaradan, dem Obersten der Leibwache, Befehl gegeben wegen Jeremia und gesagt: 12 Nimm ihn und lass ihn dir befohlen sein und tu ihm kein Leid, sondern wie er's von dir begehrt, so mach's mit ihm. 13 Da sandten hin Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, und Nebuschasban, der Oberkämmerer, Nergal-Sarezer, der Oberhofmeister, und alle Obersten des Königs von Babel 14 und ließen Jeremia aus dem Wachthof holen und übergaben ihn Gedalja, dem Sohn Ahikams, des Sohnes Schafans, dass er ihn nach Hause gehen ließe. Und so blieb er unter dem Volk.

Zwischen 586 und 537 vor Christus | Israeliten als Zwangsumgesiedelte und Rechtlose in Tel Aviv (Ährenhügel) am Ufer des Flusses Kebar (Ezechiel 3:15)

Klage der Gefangenen zu Babel

Psalm 137 1 An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten.2 Unsere Harfen hängten wir an die Weiden dort im Lande. 3 Denn die uns gefangen hielten, hießen uns dort singen und in unserm Heulen fröhlich sein: »Singet uns ein Lied von Zion!« 4 Wie könnten wir des HERRN Lied singen in fremdem Lande? 5 Vergesse ich dich, Jerusalem, so verdorre meine Rechte. 6 Meine Zunge soll an meinem Gaumen kleben, wenn ich deiner nicht gedenke, wenn ich nicht lasse Jerusalem meine höchste Freude sein. 7 HERR, vergiss den Söhnen Edom nicht, / was sie sagten am Tage Jerusalems: »Reißt nieder, reißt nieder bis auf den Grund!«  8 Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns angetan hast! 9 Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert!

(in der Übersetzung Martin Bubers):

1 An den Stromarmen Babylons, dort saßen wir und wir weinten, da wir Zions gedachten. 2 An die Pappeln mitten darin hingen wir unsre Leiern. 3 Denn dort forderten unsere Fänger Sangesworte von uns, unsre Foltrer ein Freudenlied: »Singt uns was vom Zionsgesang!« 4 Wie sängen wir SEINEN Gesang auf dem Boden der Fremde! 5 Vergesse ich, Jerusalem, dein, meine Rechte vergesse den Griff! 6 meine Zunge hafte am Gaum, gedenke ich dein nicht mehr, erhebe ich Jerusalem nicht übers Haupt meiner Freude. 7 Den Edomssöhnen gedenke, DU, den Tag von Jerusalem, die gesprochen haben: »Legt bloß, legt bloß bis auf den Grund in ihr!« 8 Tochter Babel, Vergewaltigerin! Glückauf ihm, der dir zahlt dein Gefertigtes, das du fertigtest uns: 9 Glückauf ihm, der packt und zerschmeißt deine Kinder an dem Gestein.
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