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Topic-icon Reformation 2.0 Geistesleben

3 Wochen 5 Tage her #41

Reformation 2.0 Geistesleben

Im Sommer 2015 visitierte eine ökumenische Delegation die Rheinische Kirche und schrieb anschließend in ihrem freundlichen, aber unmissverständlich kritischen Bericht : die evangelische Kirche sei exzellent organisiert und eindrucksvoll sozial engagiert, aber die geistliche Bindung zu ihrem Glaubensgrund Christus und zu den geistlichen Vollzügen der Kirchengemeinschaft verflüchtige sich. – Man hätte diese Diagnose auch noch schärfer formulieren können. Die mittlere Generation verlässt in hohen Zahlen ihre Kirche, der Gottesdienst ist einer Vierfünftelmehrheit nahezu bedeutungslos. Reformation 2.0… was tut not ? Zuerst: Ehrlichkeit im Umgang mit den Ursachen, keine Ausflüchte („Sakularisierung“, „demografische Entwicklung“). Im Kern ist geistliche Erosion das Absterben von Beziehung. Menschen treten nicht wegen der Kirchensteuer aus ihrer Kirche aus, so wie auch niemand seine Familie verlässt, bloß weil er der Kinder wegen eine teurere Wohnung mit Kinderzimmer mieten muss. Menschen verlassen ihre Christenfamilie, weil die Beziehung abgestorben ist, weil kein ´Spirit` mehr für ein unsichtbares emotionelles Band sorgt. Aus vielen Gläubigen sind Kunden geworden, ´user`, die wie bei allem abseits von Freundschaft die Rechnung aufmachen: Lohnt sich das? Was bringt mir eine Vereinsmitgliedschaft, die ich nicht nutze? Man glaubt schon an Gott; Jesus Christus ist als edler Stifter geschätzt, der für christliche Werte gesorgt hat; die dritte Strophe des Credos ist entfernt: es bleibt ein Torso ohne Glauben „an den Heiligen Geist“, ohne Glauben „an die christliche Kirche“, ohne „die Gemeinschaft der Heiligen“. Was uns miteinander verbindet, was geistliche Beziehung und Gemeinschaftsvollzüge beschreibt, dieser Teil ist aus dem Bekenntnis entfernt wie Gliedmaßen, die – abgeklemmt vom Blutkreislauf zuerst gefühllos werden und irgendwann absterben. Nach längerer Zeit der Trennung lässt man sich eben scheiden. Kirchenaustritt. – Es gibt verschiedene Gründe für Beziehungslosigkeit. Die ökumenische Visite schaute auf jene Trennungsfaktoren, die in der Kirche selbst verursacht sein mögen und daher - vielleicht - auch abzustellen wären. Ob sich unsere Kirche vielleicht verzettelt in tausend Aufgaben und Pflichten, Themen und Events, aber ihren zentralen Dienst vernachlässigt, nämlich den, Ander-Ort der Heiligung zu sein, Begegnungen mit Gott anzubahnen, Formen geistlichen Lebens im Alltag (weiter) zu entwickeln und einzuüben? „If only the church would do what only the church could do!” klagte vor Jahren ein anglikanischer Bischof. Wie kann Kirche helfen, die emotionale Bindung zu Gott, zum Auferstandenen und zur geistlichen Gemeinschaft (wieder) herzustellen? Wie kann die Heizung wieder aufgedreht, die Leitung geöffnet und die Kirche geistlich wieder warm werden, damit wieder Gefühl in Füße, Finger und Nasen fährt? Was macht, dass auf-den-Namen-Gottes-Getaufte nicht mehr „die Kirche“ sagen, als wäre das eine Art Finanzamt, mit dem man selbst nichts zu tun haben möchte? Dass Fremde spüren: die sprechen mit Herz von ihren Kindern, von ihren Geschwistern, von Mutter und Vater, und vom herrlichsten Projekt, das Gott auf Erden gestartet hat, und bei dem ich teilnehmen und beisteuern darf, was ich kann? – Die Kirche wird sich auflösen in fromme Partikel, wenn es nicht gelingt, die geistliche Schwindsucht zu heilen. Wenn es nicht gelingt, den Blutkreislauf anzuregen und die geistlichen Kräfte zu aktivieren, die überall sonst in der Welt Kirche leben, wachsen und gedeihen lassen. Reformation 2.0 – es gibt eine Sehnsucht nach geistlichem Leben, die unsere kirchliche Geschäftigkeit notorisch hintanstellt. Es reicht nicht, Menschen auf Exerzitien in Klöster zu schicken und sie ein paar Tage frommen Ausnahmezustand erleben zu lassen. Meine Kirche vor Ort muss ein Ort sein, der mir hilft, Gott zu begegnen. Gottesdienst, geistliche Begleitung, Bibellernen brauchen Priorität, mehr Zeit, mehr Sorgfalt, mehr Bündelung unserer Charismen. Es wird sich lohnen. – In Ost-London, in einer herunter gekommenen Gegend, betreiben drei Mönche das „House of Helping Hands“, Treffpunkt für Obdachlose, Verwahrloste, Drogenkranke. Wie haltet ihr das aus, jeden Tag? fragten wir. Und sie zeigten uns ihren Garten, und mitten drin eine selbstgezimmerte Laube: „Das ist unsere kleine Kapelle, unser Kraftwerk („power station“). Da holen wir uns, was wir brauchen, jeden Tag. Ohne das Gemeinschaftsgebet lösten wir uns auf (vanish)“.

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3 Wochen 4 Tage her #42

Um der Ursache des Mitgliederschwunds innerhalb unserer Kirche näher auf den Grund kommen zu können, wäre es ein mutiger und aufschlussreicher Weg , jene Mitglieder zu befragen, was sie zum Kirchenaustritt bewogen habe , wenn es schon – wie es heißt - selten nur die Kirchensteuer sei.

Man glaube schon an Gott und wertschätzt Jesus Christus als edlen Stifter unserer christlichen Werte, aber zu dem darüber hinaus liegenden großen Geheimnis, das die Kirche nach besten Kräften zu vermitteln versucht, hat man wohl kaum oder keinen Zugang finden können – im Zweifel bei allem Bedürfnis. Da muss doch ein Vermittlungsproblem vorliegen.
Wie schwer beispielsweise der unserer Sündenvergebung wegen erlittene Kreuzestod Jesu vermittelbar und auch zu begreifen ist, weiß man ja auch unter Theologen, deren Auslegungen hierzu nicht immer einheitlich, manchmal sogar gegensätzlich sind. Als Auslegungshilfe erschien deswegen kürzlich ein Grundlagentext des Rates der EKG, der sehr schwer zu lesen ist.

Wie soll dann der interessierte Hörer draußen begreifen und sich zu Herzen nehmen können, dass der Sündenvergebung (auch seiner )wegen dieser furchtbare Kreuzestod Jesu zwingend notwendig war, wenn vorab auch viele Theologen sich hierüber den Kopf zerbrechen und dieser Kreuzestod letztlich die Gottesliebe zu den Menschen bedeute – was für eine Botschaft !

Wenn diese Botschaft andernorts weitaus besser „greift“ , so mag das dort an der geschenkten kindlichen Leichtgläubigkeit liegen, die Jesus uns mit seinen Worten „Werdet wie die Kinder“ predigte, zugleich aber auch sinngemäß empfahl „ prüfet ( hinterfragt )was Ihr hört“. Auch das kindliche Gemüt hinterfragt und stellt uns bohrenden Fragen, die wir nicht zu beantworten vermögen – auch theologische. Nicht Skepsis steuern diese kindliche Fragen, sondern das Bedürfnis nach Begreifen. Und diese kindlichen Fragen begleiten uns ein Leben lang, auch jene, die draußen vor der Kirche stehen und nicht herein finden. Den draußen Stehenden darf keine Gleichgültigkeit unterstellt werden. Wer dann von dieser Botschaft schon erst einmal eine Ahnung bekommt, dürfte schon etwas mit jenem „Sprit“ versorgt sein, der im 1.Themenbeitrag so vermisst wird.

Vielleicht lässt sich mit einer eingangs erwähnten Umfrage erfahren, wie diese und andere kirchliche Botschaften aus der Bibel angenommen werden und wo evtl. Defizite oder Missverständnisse vorliegen, die dann zum Kirchenaustritt führten. Bisher wissen wir nicht den Grund der vielen Kirchenaustritte und der geringen Besucherzahl, wo doch jeder in seinem „ stillen Kämmerlein“ auf der Suche ist.

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2 Wochen 5 Tage her #48

Es ist nicht 'jeder in seinem stillen Kämmerlein auf der Suche' - viele, viele Menschen haben überhaupt keine Ahnung, daß es da etwas zu suchen gäbe - und geben sich dem Rausch des 'schönen Lebens' hin, soweit sie es haben können.

Was die Kreuzestod-Theologie anbelangt hier einmal eine steile These: Ich glaube absolut nicht, daß die Menschen andernorts naiver oder 'kindlicher' glauben, als hierzulande, ganz im Gegenteil: In den Ländern, in denen sehr viele Menschen großes Leid erfahren, da muß der Kreuzestod nicht erst umständlich erklärt werden - denn dort ist er 'aus dem Bauch heraus' nachvollziehbar bzw. interpretierbar. Oder anders ausgedrückt: Das Problem, das die Mitteleuropäer in den letzten Jahrzehnten mit dem Erlösungaspekt der Kreuzigung bekommen haben - das wurzelt im Zweifelsfall darin, daß es uns hier in Europa seit längerem 'viel zu gut' geht:

Wenn Ihre Frau ermodet wird oder Ihr Kind vergewaltigt und versklavt - dann haben Sie vermutlich die Art von Gefühl in sich, für dessen Bändigung es eine unverstellbar große Macht braucht. Und eine solche Macht liegt - so haben manche Opfer schwerster Verbrechen berichtet - in eben diesem Kreuzestod.

Oder andersherum: Wenn Sie - als jugendlicher Kindersoldat oder aus fanatischer Überzeugung - selbst zum vielfachen Mörder bzw. Totschläger geworden sind - dann haben Sie womöglich das Bedürfnis nach einer unvorstellbar großen Macht, die besagt: Du kannst das hinter dir lassen. Du darfst neu anfangen.

Der durchschnittliche Mitteleuropäer im Jahr 2017 findet sich selbst völlig in Ordnung - wieso sollte ein Christus zur Vergebung seiner Sünden gestorben sein?

(Dies ist wahrscheinlich nicht konform mit dem von Ihnen erwähnten kirchlichen Papier. Es ist lediglich konform mit meinem Verständnis und meinem Empfinden.)

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